[Zusammenfassung der Wochenzusammenfassungen]
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Prolog im Himmel
„Das schaffst du nie!“
„Schaff ich doch!“
„Niemals!“
„Doch, schaff ich wohl!“
„Du hast keine Chance, alter Mann!“
„Hab ich doch, hab ich doch, hab ich doch!“
„Ach, vergiss es einfach!“
„Nein! Nein! Nein!“
„Du bringst das doch nicht mehr…“
„Oho! Hüte deine Zunge, junge Dame! Sonst…“
„Na gut. Wie du meinst. Ich wette, dass du dich damit völlig übernimmst!“
„Ha! Die Wette halte ich gerne, meine Liebe!“
„Und du bist dir auch der Konsequenzen bewusst?“
„Voll und ganz!“
„Wohlan… so sei es beschlossen und besiegelt!“
(ENDE DES PROLOGS)
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TEIL 1
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Hans-Dieter war eher groß für einen Znork.
Dennoch war der Weg durch die Paloopah Sümpfe auch für ihn beschwerlich. Leise verfluchte er den zweigesichtigen Zwillings-Znark. Nur weil seine Hufe den Weg nach Hot Patootie um ein paar Milli-Zeks schneller zurücklegen konnten, schickte der Häuptling immer ihn.
Anke, die weibliche Seite des Zwillings-Znarks, versuchte zwar immer ihm zu helfen, aber ihr Zweitgesicht Jochen blieb stets unerbittlich.
*Squotsch*
Ein paar Mikro-Zeks Selbstmitleid zu viel und schon ist’s passiert, dachte Hans-Dieter ärgerlich. Sein linker Huf steckte tief in einer Lacke aus süßem, bernsteinfarbenem Paloopah-Matsch.
Auf einem Ast direkt über seinem Primär-Kopf begann ein Hyänenpapagei ihn keckernd auszulachen. Hans-Dieters gespaltene Zunge schnellte vor, schnappte den Vogel und ließ ihn mit einem Ruck in seinem weit geöffneten Mund verschwinden. Seine spitzen Zahnwalzen rupften und häuteten den Papagei in wenigen Mikro-Zeks.
Dann schlürfte er Fleisch und Innereien mit einem Saugschluck von den Knochen des Vogels und spuckte die Reste gezielt auf den Ast zurück — wo das Skelett noch verbunden baumelnd hängen blieb.
„Wer lacht jetzt, hä?“, grunzte Hans-Dieter und rülpste laut in die generelle Richtung des Vogelskellets. Er furzte beeindruckend, zog seinen Huf aus dem Matsch und setzte sich wieder in Bewegung.
Der Weg nach Hot Patootie war noch lang.
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Space-Cowboy Joe lachte sich ins Fäustchen.Hier hinter diesem Asteroiden würde ihn José, el Gaucho del Universo, niemals entdecken!
Joes flinke Wurstfinger huschten über die Tatstatur und zoomten die kugelrunde Raumkapsel seines Erzfeindes heran. Am Holodisplay konnte Joe beobachten, wie Josés Schiff langsam und suchend inmitten eines Haufen Weltraumschrotts herumirrte.
Nur noch wenige Meter und José würde in den Bereich von Joes Laser-Kanonen kommen. Langsam näherte sich sein Zeigefinger dem Feuerknopf.
Ein Blick auf den Waffen-Status: Laser online, Atom-Torpedos geladen, Todesstrahlen aktiv. Alles klar. Space-Cowboy Joe grinste breit.
Noch drei Meter, zwei… Bingo! José, el Gaucho del Universo, war in die Falle getappt! Joe begann sofort aus allen Rohren zu feuern…
Josés Schutzschilder färbten sich unter dem Beschuss erst gelb, dann orange, dann hellrot… und lösten sich schließlich ganz auf.
Der nächste Schuss wird den Gaucho für immer vernichten, dachte Joe triumphierend und machte sich daran den Abzug noch einmal zu drücken.
„Joseph, komm sofort rein! Das Abendessen ist fertig!“ Joe zuckte unter der Stimme seiner Mutter zusammen wie unter einem Peitschenhieb.
„Ach, Mama… noch fünf Minuten! Ich spiel gerade so schön!“, quengelte Joe und blickte treuherzig in Richtung des Visiphons.
„Joseph Jonathan Multiplex XVII., welchen Teil des Wortes ’sofort’ hast du nicht verstanden?“ Die Augen seiner Mutter waren dünne Schlitze. „Du kommst sofort rein – oder muss ich erst den Traktorstrahl aktivieren?!“
Space-Cowboy Joe blieb keine andere Wahl. „Okay, okay… ich komm ja schon…“ Wehmütig warf Joe einen Blick auf Josés Raumkapsel, die sich eilig entfernte. Er fluchte leise, dann verschluckte die über ihm schwebende Masse der „True Love II“ seine kleine Raumkapsel.
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Trübsinnig starrte Francois Truffaut in seine Kaffeetasse.
Der Kaffee war so dünn, dass er den Boden deutlich erkennen konnte. Der Versuch aus den letzten Kaffeebohnenresten eine trinkbare Substanz herzustellen war katastrophal gescheitert. Francois lehnte sich in seinem uralten, quietschenden Bürosessel zurück und legte die Füße auf den Tisch.
So konnte das nicht weitergehen. Ein Auftrag musste her und zwar schnell, sonst würde ihn der Vermieter noch diesen Monat aus seinem schäbigen Büro werfen.
„Mr. Truffaut?“ Seine ihm aus unerklärlichen Gründen treu ergebene Sekretärin steckte ihren blonden Lockenkopf in die Tür.
„Ja, Sofia?“
„Mr. Truffaut… da will Sie eine… Dame sprechen.“ Sofias Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Ich glaube, sie will Sie engagieren!“
Francois Truffaut nahm die Füße vom Tisch, setzte sich aufrecht hin und schob die traurige Entschuldigung für einen Kaffee auf die Seite.“Na, dann herein mit ihr, Sofia!“ Der Kopf seiner Sekretärin verschwand, und noch ehe er seine Krawatte zurechtrücken konnte, wurde die Tür weit aufgerissen. Francois versteifte sich unwillkürlich bei dem Anblick der „Dame“, die nun vor ihm stand.
Die hünenhafte Gestalt der Frau füllte den Türrahmen fast vollständig aus. Sie musste sich sogar etwas bücken, um eintreten zu können. Die Frau war an die zwei Meter groß, breit gebaut und überragte Francois um mindestens zwei Köpfe. Im krassen Gegensatz dazu stand ihr zartrosa Kostüm, das in der Art einer Schuluniform geschnitten war.
Ohne Umschweife kam sie näher und nahm gegenüber von ihm Platz. Der Besucherstuhl ächzte bedrohlich unter ihrem Gewicht, was die Frau aber kaum zu bemerken schien. „Mr. Truffaut, ich brauche Ihre Hilfe! Ich bin in großer Gefahr!“, säuselte die Riesin mit einer angstvollen Miene, die nicht so recht zu ihren groben Gesichtszügen passen wollte. Sie streckte ihre gewaltige Rechte über den Tisch. „Mein Name ist Riefenstahl. Leni Riefenstahl. Mr. Truffaut, Sie Sind meine letzte Hoffnung!“
Wohl um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, drückte Leni seine Hand mit einer Vehemenz, die ihm Tränen in die Augen schießen ließ. Langsam, um nicht unhöflich zu wirken entwand sich Francois der Umklammerung. „Worum handelt es sich… Miss… Riefenstahl?“
Abrupt wandelte sich der Gesichtsausdruck seines Gastes zu einem schelmischen, fast mädchenhaften Lächeln: „Mrs. Riefenstahl, Sie Charmeur! Nun, ich…“
Jäh wurde Leni durch lautes Gepolter im Vorzimmer unterbrochen und schrie auf: „O Gott! Sie sind da! Es ist aus mit mir!“
„Aber nein“, beruhigte Francois sein plötzlich kreidebleiches Gegenüber , „Das ist nur der Milchmann, Mr. Eisenstein… Sofia? Miss Coppola? Kümmern Sie sich bitte um Sergej!“
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Hans-Dieter hatte Schluckauf. Zusätzlich musste er weiterhin rülpsen und pupsen. Alles in einem gemeinsamen, regelmäßigen Rhythmus.
Hick-Burp-Ffft. Hick-Burp-Ffft.
Zu spät war ihm eingefallen, dass der Verzehr eines Hyänenpapageis, auch im Zorn, keine besonders gute Idee war. Unter Znorks hieß es, die Vögel würden diejenigen, die sie gegessen hatten, noch über den Tod hinaus verspotten.
Hick-Burp-Ffft.
Hans-Dieter umklammerte das Aahw, das an seinem Gürtel baumelte. Das Totem seines Stammes war ihm vom zweigesichtigen Zwillings-Znork bei seiner Abreise übergeben worden. Hans-Dieter wusste, trotz seines anhaltend starken Sodbrennens, dass ihm, so lange er das Aahw bei sich trug, nicht wirklich etwas geschehen konnte. Obwohl es doch ein wenig streng roch…
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Space-Cowboy Joe war ohne Abendessen ins Bett geschickt worden. Pepes Mutter, Señora Garcia, hatte Josephs Mutter von der „Feliz Navidad“ aus angerufen und ihr von dem Vorfall im Trümmergürtel erzählt. Jetzt hatte er zwei Zyklen Hausarrest.
Joseph kramte einige Schokoriegel aus seinem geheimen Vorrat hervor und warf sich aufs Bett. Trübsinnig auf den Holohimmel seines Zimmers starrend verschlang er einen nach dem anderen. „Pepe, du alte Petze…“, grummelte Joseph. Das nächste Mal würde er „José, den Goucho des Universums“ gnadenlos aus der Existenz fegen! Und Joseph wusste auch schon wie…
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Der durchtrainierte schlanke Körper der Jägerin huschte, jede Deckung ausnutzend, durch die Schatten der nächtlichen Großstadt.
Für die meisten Menschen unsichtbar, war für sie die Spur aus Ektoplasma so klar erkennbar wie Sugo auf weißen Kinder-T-Shirts. Sie hob den Kopf und nahm die Witterung auf. Der Gestank nach Pech und Schwefel war für ihre geschärften Sinne nicht zu überriechen. Schließlich konnte sie das grauenvolle Gebell des Monsters auch hören. Katzengleich schlich sie um die Ecke – und erstarrte augenblicklich. Das Untier war noch hässlicher als erwartet! Ein Naatzol, ein Höllenwächter 3. Grades!
Dies würde kein Picknick werden…
Die nach Verwesung (und einer Prise Zimt) stinkenden Lefzen des Naatzol hingen bedrohlich über einem leblos am Boden liegenden Körper. Langsam und vorsichtig tastete Luna R., die Dämonen-Jägerin, nach Dint-Ahr, ihrer treuen Armbrust. Furchtlos rief sie das Monster an:
„Heast, Sakrahaxn, Oida! Los eam in Rua, oba fix! I werd da de Wadln scho fire richtn! Mah, heast, miaßt’s es Hööngfrasta ollaweu so fäun?“
Das Naatzol starrte Luna aus seinen zehn pentagrammförmig angeordneten Augen an: „Verzeihung, aber könnten Sie das eventuell wiederholen?“
„I panier di! I moch di meier, du Pücha!“
Das Naatzol verharrte irritiert. Die Gestalt am Boden ächzte leise. Sie lebte also noch!
„Darf ich drauf hinweisen, dass dies eine exzellente Gelegenheit wäre, den Wächter fertig zu machen?“, erklang eine sirrend-summende Stimme.
„Na di hob i no braucht“, knurrte die Kämpferin ihre Armbrust an und griff nach einem der geweihten Weidenholz-Bolzen in ihrem Patronengurt.
*Wuuuuuuuusch!*
Flammen schossen knapp an Luna R vorbei, die sich in letzer Sekunde durch einen Flugrolle gerettet hatte! Nur Dint-Ah war leicht angekokelt. Das Naatzol hatte seine Verblüffung überwunden und war zum Angriff übergegangen!
Abermals schossen Flammen unter seinen Fingernägeln hervor. Ein Gestank nach verbranntem Gummi (und einer Prise Kardamom) umhüllte die Jägerin, während sie pfeilschnell erneut in Deckung hechtete.
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Durch den Türspalt konnte Francois Truffaut erkennen wie Sergej Eisenstein sich von Sophia mit einem Zwinkern verabschiedete. Irgendwie war ihm diese scheinbare Vertrautheit zwischen dem Milchmann und seiner Sekretärin, Miss Coppola, nicht ganz recht. Noch dazu, wo so viele Milchrechnungen offen waren… Er wandte sich wieder seiner neuen Klientin Mrs. Riefenstahl zu. Leni hatte sich inzwischen wieder beruhigt.
„Verzeihen Sie, Mr. Truffaut, aber ich dachte schon, das wären die Killer meines Mannes!“
„Ihr Mann wurde umgebracht? Mein Beileid…“
„Aber nicht doch, Mr. Truffaut! Die Killer sind im Auftrag meines Mannes hinter mir her!“
„Verstehe.“ Francois kniff die Augen zusammen. „Und wieso will Mr. Riefenstahl Sie umbringen lassen?“
Leni schüttelte energisch den Kopf. „Preminger. Der Name meines Mannes ist Otto Preminger. Von ‘Premingers feine Wurstwaren’!“
Francois zuckte mit den Schultern.
Leni sah ungehalten drein. „Aber, Mr. Truffaut! Sie kennen doch sicher unseren Werbespruch: ‘Egal wie es sah vorher aus/ Preminger macht Wurst daraus! – Preminger – wir verwursten jedes Tier!’“
„So, so…“, murmelte Francois.
„Meine Eltern haben damals darauf bestanden, dass ich meinen Mädchennamen behalte“, fuhr Leni fort. „Wegen unseres Familienunternehmens: ‚Riefenstahls Scherzartikel und Juckpulver‘ – Sie wissen schon…“
Francois seufzte unhörbar.
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„Heast! Waun geht dem Oasch des Puava aus?“, keuchte Luna in ihrer Deckung.
„Du mußt auf den ‚Unheiligen Zündfunk‘ in seinen Augen achten!“, ließ sich Dint-Ah, die Armbrust, vernehmen. „Er umläuft einmal seine zehn Drudenfuss-Augen, dann ist er wieder schussbereit!“
„Unheiliga Zündfunk!? Des is da greßte Schas, den wos i in mein Lem je ghert hob!“
„Wie dem auch sei, jedenfalls empfehle ich nun…“
„… eam an Pfeu ins untare mittlare Aug zum jogn, i waas!“
„Nun fast, ins oberste, an der Spitze“
„Ins untare!“
„Obere!“
„Untare!!“
„Ob…“
Ein neuerlicher Flammenstoss des Naatzol, stinkend nach Aas (und einer Priese Koriander), verkohlte eine schwarze Locke der Kämpferin.
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Hans-Dieter durchschritt die letzten Farnbüschel des Paloopah-Sumpfes. Vor ihm lag nun weites Land. Ein andachtsvoller Moment.
Burp-Ffft.
Der verspeiste Hyänenpapagei bereitete ihm noch immer Verdauungsprobleme. Wenigstens war der Schluckauf endlich verschwunden.
Die flachen Häuser von Hot Patootie beeindruckten Hans-Dieter jedesmal neu. Znorks bewohnten runde Hütten aus Torfziegeln, mitten im Matsch. Dagegen wirkte dieses kleine Dorf in der Ebene richtig großstädtisch.
Er umfasste das Aahw mit der linken Pranke und atmete tief durch. Hans-Dieter sprach ein kurzes Gebet zum Großen Znurk, besechseckte sich mit der rechten Pranke und schritt auf die Gebäude zu.
Burp-Ffft.
Da dies nicht sein erster Besuch in der kleinen Stadt war, wusste er genau wohin er sich wenden musste. Er ignorierte die kleine Kirche schritt achtlos am Bordell mit seiner großen Auswahl an Spezien (die eine oder andere durchaus Znork-kompatibel) vorbei und betrat energisch die Taverne, deren Schwingtür noch eine Weile hinter ihm mundharmonikagleich ihr trauriges Lied sang: “Iie-duh-die-uh.”
In der Taverne waren die Gespräche verstummt. Alle Blicke wandten sich dem riesenhaften Neuankömmling zu, der langsam auf die Bar zuschritt. Ja, Hans-Dieter war eher groß für einen Znork. Aber bereits normale Znorks überragten den größten der Dorfbewohner um mindestens einen Kopf. Und dabei hatten Znorks sogar zwei. Auch wenn der Sekundärkopf nur eine inaktive Wucherung auf der rechten Schulter darstellte.
Burp-Ffft.
An der Bar angekommen sah Hans-Dieter sich um. Da lugte ein fluffiger Flump aus seiner Eischale. Am Klavier kauerte ein siebenarmiger Menor. In einer Ecke übte ein Droohlo – offenbar seit Hans-Dieters letztem Besuch – Kopfstand, was ihm mangels Kopf aber nicht so recht gelingen wollte.
Hans-Dieter stellte eine Flasche aus Ton auf den Tresen. „Whiskey. Auffüllen.“ herrschte er den Barmann, einen spinnenartigen Zrzxl, an. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen legte er eine Handvoll Paloopah-Perlen dazu, die er zuvor seiner Bauchtasche entnommen hatte. Der Zrzxl starrte die rot-gelb glänzenden Kugeln mit schimmernden Facettenaugen gierig an. Hans-Dieter zog abschätzig die Mundwinkel hoch. Im Dorf der Znorks waren die Perlen allgegenwärtig und weitgehend wertlos. Kleine Kinder, noch vor der Kopf-Sprießung, spielten damit. Dennoch war Hans-Dieter der Wert der Perlen außerhalb des Sumpflandes durchaus bewusst. Er hatte ein kleines Vermögen auf den Tresen gelegt.
Umgekehrt war ihm klar, dass die „Flüssige Seele Znurks“, die allen Znorks (und auch Znarks) heilig war, in der Außenwelt nicht viel galt. Insofern war der Deal fair. Hans-Dieter wusste, dass das Verteilen von Reichtümern seine Aufgabe beschleunigte und erleichterte. Und die wollte er so schnell und reibungslos wie möglich erledigen. Er nahm die mittlerweile gefüllte Flasche und wandte sich zum Gehen.
„Nicht so schnell, Znork!“
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Pfssst.
Das kleine bunte Raumschiff flackerte kurz und löste sich dann in Nichts auf.
„327“ gähnte Joseph und kratzte sich am Bauch. Die Kugel aus Schokoeinwickelpapier, mit der er das Schiff getroffen hatte, plumpste auf den Boden – erhob sich aber gleich wieder und schwebte von Antigrav-Strahlen getragen zurück auf das Bett, auf dem „Spacecowboy Joe“ ausgestreckt da lag. Er fischte sie aus der Luft. Joseph zielte kurz und warf die Kugel dann auf ein weiteres der kleinen Holoschiffe, die in seinem Zimmer umher schwirrten.
Pfssst.
„328“ Diesem selbst programmierten kleinen Abschießspiel widmete er sich immer, wenn er Hausarrest hatte. Und Hausarrest hatte er ziemlich oft.
Pfsst.
„329. Computer, Simulation beenden“ Joseph drehte sich auf den Bauch. Er musste das Spiel neu programmieren. Es war zu leicht für ihn. Denn obwohl die simulierten Raumschiffe mit affenartiger Geschwindigkeit und aus irren Winkeln kommend dahin schossen, traf er jedes Mal. Joseph glitt langsam vom Bett und schlenderte zum Außenfenster. Wenn er schon nicht raus durfte, wollte er wenigstens raus sehen! „Computer, höchster Zoomfaktor“ Die Asteroiden des Trümmergürtels schienen auf ihn zu zu rasen.
Na klar, dass hatte er sich ja gedacht! José, el Gaucho del Universo, war natürlich draußen! Und spielte Verstecken mit Beppo, il Pastore dello Spazio! Und wo Giuseppe war, konnte Joschi, der Kuhhirt des Kosmos, nicht fehlen! Natürlich alle mit deaktivierten Waffen, die Weicheier!
Joseph schnaubte verächtlich.
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Zeus war wirklich maximal übel drauf.
Voll depressiv, geradezu. Er hatte kaum mal mehr Lust auf Nektar und Ambrosia. Dabei hatte er gestern erst wieder mal ein wenig losgedonnert. Volle Kanne Blitze gegen Troja, Donner und Doria, um die Eingeborenen ein wenig aufzumöbeln! War aber auch nur ein kurzer Spaß gewesen.
Zeus langweilte sich einfach unglaublich… Die eine oder andere Runde auf der Matratze, hm, das hätte ihn vielleicht schon aufgemuntert…
Aber mit Hera, dem alten Drachen, lief ja schon lange nichts mehr. Und die anderen Göttinnen waren größtenteils seine Töchter. Und kamen ihm in jüngst immer mit Sprüchen wie „Ach, Daddy, Inzucht ist SO letztes Zeitalter!“
Blieb ihm eben nur eine Sterbliche ab und zu. Aber denen musste er sich mittlerweile auch meist aufdrängen – und mehr als einmal gingen die mittendrin kaputt. Ärgerliche Sache, das. Und wenn nicht, musste er sich neun Monate später mit einem neuen Halbgott rumärgern.
Auf Jungs hatte er seit der Sache mit Ganymed auch keine Lust mehr…
Wenigstens pflegten die Musen und sterblichen Schreiberlinge noch sein Dandy-Image. Taten auch gut daran, das Gesocks! Wenn sie nicht den Titanen im Tartaros Gesellschaft leisten wollten!
Nein, irgendwas musste geschehen. Irgendwas in der Welterschütterungs-Liga!
Zeus brütetet, dass die Wolken um den Olymp zu brodeln begannen.
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„Hast du da vielleicht noch mehr Perlen in deinem fetten Wollbauch versteckt?“ Die Stimme von der Tür klang spöttisch und abfällig zugleich.
„Vorssicht!“ flüsterte Kurt der Zrzxl-Barmann mit seiner singenden Stimme „Dass isst ein Mensch!“ Hans-Dieter runzelte unwirsch die Stirne. Das da war also ein Mensch. Kleiner als ein Znork, eklig glatte Haut, sonst im Körperbau ähnlich. Aber nur ein Kopf. Dafür mit schwarzem Hut.
Während Hans-Dieter noch überlegte, ob der Hut angewachsen oder doch Kleidung war flüsterte Kurt ungefragt weiter: „Unterschätzz ihn nicht! Ssie ssehen klein und schwach auss, aber ssie haben mächtige Donnersstöcke!“
Hans-Dieter griff instinktiv nach dem Aahw an seinem Gürtel.
Nicht, dass er sich wirklich vor dem Menschen fürchtete, aber das Totem zu spüren verlieh ihm Sicherheit.
Der Mann bemerkte die Geste. „He, Sumpfmonster, was stinkt da so? Du oder das tote Stinktier an deinem Gürtel?“ Der Mensch lachte schallend. Hans-Dieter aberblieb ruhig. Denn zum einen verbat ihm seine Religion auf Provokationen anderer zu antworten. Und zum anderen war das Aahw wirklich ein totes Stinktier.
Diese „Menschen“ waren erst vor wenigen Jahren in der Gegend der Paloopah-Sümpfe aufgetaucht, hatten aber von Anfang an für Ärger gesorgt. Sie waren arrogant, terrorisierten andere Spezies, und manche von ihnen waren tatsächlich Verbrecher. Wie offenbar dieses Exemplar vor ihm. Das übrigens gerade eine Art Faustkeil aus glänzendem Metall zückte und damit auf Hans-Peter zielte. In der Taverne wurde es noch stiller. Der Droohlo erstarrte, der Flump rollte sich zu einer Art übergroßem Wollknäuel zusammen, und der Menor reckte alle sieben Arme in die Luft.
Das war also wohl einer dieser Donnerstöcke, die angeblich zuverlässig und auf große Distanz töteten. Hans-Dieter blieb unbeeindruckt. „Also, was nun? Her mit den Dingern oder ich blas’ dir den größeren deiner häßlichen Köpfe weg!“ Das Wesen fuchtelte mit der Waffe herum.
Hans-Dieter blieb weiterhin unbeeindruckt und blickte interessiert in die Mündung der Waffe. Der Zrzxl neben ihm ging in Deckung.
„Nein.“ sagte Hans-Dieter.
„Nein – was?“ blaffte der Mensch gehässig.
„Nein, ich dir Perlen nicht geben.“
Der Mann mit dem Hut zögerte. Dann entstand ein bösartiges Lächeln um seinen Mund und er lachte auf. „Kein Problem, Znork, ich kann sie mir auch von deiner Leiche holen!“ Der Mensch zielte und begann langsam den Abdruck der Waffe durchzudrücken, als ihn das Aahw ansprang und ihm die Nase abbiss.
Der Mann schrie kurz auf, wurde dann ohnmächtig und kippte wie ein Brett um. Das Aahw schnellte an seinen Platz an Hans-Dieters Gürtel zurück und blieb dort wieder hängen, steif, tot und stinkend wie zuvor. Ohne ihn weiter zu beachten stieg Hans-Dieter über den Mann weg und ging auf die Tür zu.
Kurt, der Zrzxl, erhob sich hinter der Bar und schlug dem am Boden Liegenden eins mit einer Bratpfanne über dem Kopf. Sicherheitshalber. Danach schleifte er ihn in die Selchkammer. Hans-Dieter wollte gar nicht so genau wissen, weshalb.
Langsam erwachten auch die anderen Besucher der Taverne aus ihrer Starre und sahen Hans-Dieter erleichtert und nicht wenig beeindruckt nach. „Dieser Znork ist der größte Held, den ich jemals gesehen habe.“ flauschte der Flump mit pelziger Stimme, gerade als Hans-Dieter die Tür erreichte.
Vielleicht war es ja nur das grell hereinströmende Licht der Sonne, aber es schien fast, als würde er sich auflösen. Jedenfalls war der Znork kurz darauf spurlos verschwunden. Und die Schwingtüren ließen ihr übliches Lied (ie-duh-die-uh) diesmal vermissen…
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Zeus hatte endlich einen Entschluss gefasst. Er würde erst mal Hephaistos, den ollen Götterschmied, in dessen Werkstatt unter dem Ätna besuchen. Denn wenn ihm sonst schon nichts Besseres einfiel, um sich aufzuheitern, konnte er immer noch seinen Sohn wegen dessen Hinkefußes verspotten!
Hephaistos war dann auch echt genervt, als sein Vater im Weg rumstand und blöde Kommentare über „Götter mit besonderen Bedürfnissen“ schob. „Mann, Paps, krieg dich wieder ein!“, stöhnte er und ließ den Hammer auf ein rotglühendes Metallstück runterknallen. „Was ist wirklich los?“
„Ach, Heffy…“, Zeus seufzte so tief, dass der ganze Ätna volle Kanne zu vibrieren begann, „Hellas macht einfach keinen Spaß mehr…“
„Und rundum…? Nix wie eifersüchtige Götter. Wehe, ich reise mal nach Norden! Schon steht dieser Ziegenbockfresser Thor auf der Matte und labert mich voll – von wegen, er sei der einzige Donnergott hier und Zeugs. Ein Gott mit Hammer? Wie peinlich! Ups… nix für ungut, Heffy!“
Hephaistos ignorierte seinen alten Herren aber so was von. „Hm…“, sagte er, „Du willst also auf die Pauke hauen, weißt aber nicht, wo… Vielleicht solltest du dich dann ja eher fragen, wann!“
Heffy blickte auf das Werkstück vor ihm und ein feines Grinsen umspielte seine Lippen.
—
„Anfang war alles so romantisch!“ Leni schniefte lautstark in ihr spitzenbesetzes Taschentuch. „Mein Otti war der perfekte Gentleman… Es war eine wunderschöne Liebesgeschichte. Wie aus dem Märchenbuch. Er, der tapfere Prinz, und ich, die zarte Prinzessin.“ Sie schluchzte auf.
Francois musterte die bullige Zwei-Meter-Frau vor sich auf dem unter ihr ächzenden Bürostuhl, enthielt sich aber jeglichen Kommentars.
„Aber nach der Hochzeit war plötzlich alles anders! Otto war auf einmal der reinste Teufel! Ich bekam ihn kaum mehr zu Gesicht! Er trieb sich nächtelang herum, und wenn ich ihn mal sah, stank er nach Fusel und weiß-Gott-noch was! Als ich ihm dann sagte, ich würde die Scheidung wollen, begannen sich diese ‘Vorfälle’ zu häufen“. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte Francois eine Bewegung am Rande des Tisches.
„Einmal explodierte in der Fabrik eine ganze Tonne voll Juckpulver neben mir. Ich habe mich zwei Wochen lang gekratzt!“ Oder doch nicht?
„Später wurde ich fast von einem Sack mit Niespulver erschlagen! Davon hab ich mich bis heute nicht erholt!“ Leni nieste in Erinnerung auf. „Und dann noch die Vorfälle in der…“ Leni schüttelte es „…Wurstwarenfabrik!“ Nein, ganz eindeutig, da am Rand hatte sich etwas bewegt.
„Kennen Sie diese Maschinen, wo Fleisch in der Größe von halben Schweinen von riesigen messerscharfen Mahlwerken zerkleinert wird? Ich kenne solche Maschinen – von innen!“ So etwas wie in kleiner, schwarzer, pelziger Kopf schien unter den abgelegten Akten hervorzulugen.
„Dann die Sache mit dem Fleischerhaken! Die Lawine aus spitzen Schweineknochen! Und wussten Sie, dass Paprikapulver potentiell letal wirkt? Kurz, langsam wuchs in mir der Verdacht, dass mein Otti mich vielleicht umbringen wollte.“ Eine Tarantel! Auf dem Tisch saß eine Tarantel!
„Und warum hätte er das tun sollen? Wegen Geld?“ fragte Francois völlig ruhig, während er mit der rechten Hand langsam eine Lade öffnete.
„Geld? Aber nein, Mr. Truffaut! Die Fabrik meines Mannes macht gut den zehnfachen Umsatz von meiner!“
Die Spinne ließ ein erstes Bein zeigen.
„Was könnte dann der Grund sein, Mrs. Riefenstahl?“ Francois lächelte freundlich, während er seine Hand millimeterweise in Lade schob.
„Nun, in meinem Besitz befinden sich einige teuflisch gute Patente, die die Hölle aus den Angeln heben könnten, wenn ich so sagen darf.“ Leni kicherte über ihren eigenen Scherz. „Im Falle meines Ablebens gingen diese an Otti über.“
Bereits zwei haarige Beine waren sichtbar.
„Hm.“ Francois versuchte nicht allzu zweifelnd dreinzublicken. „Gäbe es denn noch andere Personen, die ihnen nach den Leben trachten könnten?“
„Ich denke nicht… aber genau deswegen möchte ich ja einen Detektiv engagieren, Mr. Truffaut! Zur Gewissheit – und zu meinem Schutz!“
Francois nickte und war bemüht weiterhin würdevoll zu wirken, obwohl er sich durch seine Hand in der Lade bereits gut um 45 Grad zur Seite geneigt hatte.
Mittlerweile erschien es ihm, als würde er die Situation von außen und in Zeitlupe beobachten.
Hier Leni, die ihm weiter ihr Leid klagte…
Dort die Tarantel, die sich langsam unter seinen Akten hervorarbeitete… Auf der anderen Seite des Tisches er, in wachsender Schieflage….
Und plötzlich ging alles rasend schnell.
Die Tarantel schlüpfte ins Freie.
Die Tarantel sprang Leni an.
Und noch bevor Leni die Attacke wirklich bemerkte, riss Francois seinen Arm aus der Schreibtischlade und erschlug die Spinne mit einem ausgestopften Hecht noch im Sprung.
Im selben Augenblick öffnete Sofia die Tür „Entschuldigen Sie, Mr. Truffaut, aber Sergej hat…“ Sie erstarrte, als sie die Szene erblickte.
Leni hatte die Hand vor den Mund geworfen, einen stummen Schrei unterdrückend; Francois hielt einen abgerissenen Fischschwanz in der Hand; und unter einem im mehrere Teile zerbrochenen Hecht ragten acht haarige Beine hervor, die noch leicht mechanisch zuckten.
„Ja, Miss Coppola?“ Francois setzte der Situation zum Trotz sein gewinnendstes Lächeln auf.
„Ich… also… die Sahne.. nein, ist schon gut!“ Sofia schloss eilig die Tür hinter sich. Francois wandte sich wieder der mit ihrer Fassung ringenden Leni zu. „Mein größter Fang… Ich wollte ihn noch montieren lassen. Tja, das wird wohl nichts mehr.“ Leni schluckte, ihr Blick wanderte von dem am Tisch liegenden Fisch über seine Hand zurück zu Francois selbst.
Schließlich platze es atemlos aus ihr heraus: „Mr. Truffaut!! Sie sind der größte Held, den ich kenne!!“
Noch ehe er antworten konnte, löste Francois sich auf und hinterließ nichts als einen leeren Stuhl, eine verstörte Klientin und eine tote Tarantel.
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Hans-Dieter rotierte endlos um jede erdenkliche Achse, während er mit irrwitziger Geschwindigkeit eine Art bunten Lichtstrudel durchflog.
Die unkontrollierbare Situation behagte dem stolzen Znork wenig.
Und zu allem Überfluss begann jetzt auch noch sein Sekundärkopf zu jucken.
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Joseph Jonathan Multiplex XVII beobachtete weiterhin düster die Szenerie im Trümmergürtel. „Hausarrest ist Kacke“, murmelte er bitter.
Erst als er das verräterische Summen einer Fliege hinter seinem rechten Ohr vernahm, verbesserte sich Josephs Stimmung schlagartig. Während er äußerlich komplett ruhig blieb, spannten sich in ihm sämtliche relevanten Muskeln unmittelbar und synchronisiert an. Mit einer blitzschnellen Bewegung, die man seinem pummeligen Körper kaum zugetraut, hätte fischte er die Fliege aus der Luft – und zerquetschte sie genüsslich zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Bravo, Spacecowboy Joe“, kommentierte der Computer vorprogrammiert.
Natürlich gab es auf der „True Love II“ normalerweise keine Fliegen, dafür sorgten schon die Hygienefilter und Scharen von Kammerjäger-Bots. Aber Joseph züchtete sie in seinem Zimmer in einer Art Terrarium selbst. In unregelmäßigen Abständen entließ der Computer eine der Fliegen in den Raum.
Nachdem er seine Jagdbeute an der Hose abgewischt hatte, wandte Joseph sich wieder den Geschehnissen außerhalb des Wohnraumschiffes zu. Neidisch beobachtet er José, Beppo und Joschi, die mit ihren Raumkapseln draußen herumzischten. Aber… was war das? Ein Rendez-vous-Kurs!?
„Computer – Funkverkehr scannen! Schnell! Wo wollen sich die drei treffen!?“
Josephs selbst umprogrammierter Schulcomputer reagierte prompt.
„Funkverkehr gehackt. Treffpunkt zum Austausch von Mars-Ball-Klebebildern beim alten Apollo 27 Wrack.“
Joseph konnte sein Glück kaum fassen! Das alte Apollo-Wrack! Großartig! Er tippte rasch ein paar Befehle auf sein Multifunktionsarmband. Dann hieß es nur noch abwarten…
Joschi, der Kuhirte des Kosmos, erreichte das ausgehöhlte Raumfahrzeug als erster. Nach ihm dockte Beppo, il Pastore dello Spazio an. 10 Sekunden später war auch José, el Gaucho del Universo eingetroffen.
„Geronimo!“ Joseph zündete den thermonuklearen Sprengsatz.
Die von ihm versteckte Bombe detonierte mit voller Wucht. Der Feuerball war auch ohne Fenstervergrößerung weithin sichtbar. Befriedigt sah Joseph zu, wie das Wrack und die drei Raumkapseln in Fetzen flogen. Die Körper seiner Spielkameraden konnte er nicht erkennen.
Joseph fragte sich, mit mäßigem Interesse, ob die automatischen Schutzschilder ihrer Raumanzüge wohl noch rechtzeitig angesprungen waren…
Nun, dass würde er noch früh genug erfahren. Er drehte dem Fenster den Rücken zu und blickte triumphierend in den Raum.
„Los, Computer! Sag es!“
Zuerst klang es, als würde die Stimme gähnen, aber dann rezitierte der Computer brav das einprogrammierte Lob:
„Spacecowboy Joe – du bist der größte Held der Vereinigten Staaten des Asteroidengürtels!“
Die Türe fuhr zischend auf, und Josephs Mutter sprintete herein.
„Joseph! Keine Lügen! Die Explosion! Deine Freunde! Du hast doch nicht etwa…“
Noch ehe er alles abstreiten konnte, löste Joseph sich auf.
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Francois Truffaut wirbelte scheinbar rasend schnell durch einen von sich verändernden bunten Lichtschlieren begrenzten Raum.
Mangels Fixpunkt konnte er aber weder seine tatsächliche Geschwindigkeit abschätzen, noch ob eigentlich er sich drehte oder der Raum sich um ihn.
Er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wie er dorthin geraten war, und er wusste nicht, wohin die Fahrt schließlich gehen sollte.
Er wusste nur, wenn das mit der rasenden schnellen Herumwirbelei nicht bald aufhörte, würde er sich gleich sagenhaft übergeben müssen.
- – -
Ein Bolzen löste sich von der Armbrust der Kämpferin, pfiff durch die Luft und durchschlug treffsicher das untere mittlere Auge des Naatzol.
Das Naatzol stoppte seinen Angriff und hielt inne.
Aber sonst geschah nichts.
„Das OBERSTE Auge, hab ich gesagt, Luna!! Das OBERSTE!!“
Luna Rs treue Armbrust war einer Panik nahe.
„Ogottogottogott! Das hält es nicht auf! Nach dem nächsten Unheiligen Zündfunk sind wir Toast!“
Tatsächlich leuchtete soeben ein helles Blitzen in einem nach dem anderen der zehn pentagrammförmig angeordneten Augen des Naatzol auf. Als das Leuchten jedoch das durchschossene Auge erreichte, geschah mehreres in rascher Folge:
Zuerst durchlief ein Zittern den Koloss.
Dann ertönte ein markerschütternder, unmenschlicher Schrei.
Als nächstes begann der Körper des Naatzol rasend schnell zu schrumpfen, um schließlich mit einem satten „Plopp“ zu implodieren.
Zurück blieb bloß ein Geruch von Teer (plus einem Hauch von Tandoori-Gewürzmischung).
„Ha!“ Luna blickte triumphierend zwischen ihrer Armbrust und der Stelle hin und her, an der das Naatzol nun nicht mehr war. „Ha!“
„Ha! Des obaste! Do schauat ma oba guat aus, du obrennta Nudlwoika! Des obaste!“
„Ja, ja schon gut…“
Dint-Ah klang ein wenig gekränkt.
„’Das ist ein Höllenwächter, Luna! Nicht diese Bolzen, Luna, nimm geweihte! Am Freitag keine Hostien, Luna! Das oberste Auge, Luna!’ HA!“
Die Jägerin grinste die Armbust in ihrer Hand schadenfroh an.
„I frog mi langsam, wer von uns zwa des ‘Buch Emotikon’ do besser intus hot!“
„Halt, Stop! Lass bitte das Heilige Buch aus dem Spiel, Luna! Und ja, ich habe mich geirrt, okay? War jedenfalls ein guter Schuss von mir…“
„Woos haastn do von dir? Züün tua imma no i!“
„Nicht schon wieder, Luna, du weißt genau, dass der Schuß selber…“
„I pock di net! Nur i…“
„Verzeihung, wenn ich störe…“
Luna R wandte sich blitzschnell um, Dint-Ah die Armbrust, in Sekundenbruchteilen neu geladen, im Anschlag. Als Luna allerdings in der Person vor ihr das zuvor am Boden liegende Opfer des Naatzol erkannte, zog sie die Waffe sofort peinlich berührt aus dem Bauchnabel der Frau, die in einem zerfetzten Kleid nur wenige Zentimeter von ihr entfernt stand.
„Öha…“ murmelte Luna verlegen.
„Ha! Und noch mal, Ha! Das Monster besiegen, aber das Opfer vergessen? Wer kennt da die Regeln auswendig? Ha! Wer?“
Dint-Ah krähte hämisch.
„Und wos is mit ‘Animierte Objekte haben gegenüber uneingeweihten Dritten ihre kognitiven und verbalen Fähigkeiten zu verbergen’? Hm, Oida?“
Dint-Ah verstummte augenblicklich betreten.
„Nun, wie gesagt, ich störe nur ungern, aber ich würde sagen, nachdem ich gerade von einem nach Abwasser – und interessanterweise einer Prise Kakaopulver – stinkenden Monster attackiert wurde, ist eine sprechende Armbrust mein geringstes Problem…“
Die Frau in dem – nunmehr – bauchfreien Kleid wirkte erstaunlich gefasst.
„Was war das überhaupt für ein Ding? Oder besser nein…“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich will’s gar nicht wissen. Am besten ich vergesse die Sache so rasch als möglich wieder…“
Sie lächelte schwach „Ich meine, aromatisierte Monster, spitzzüngige Armbrüste und Ninja-Amazonen in schwarzen Catsuits mit schwerem Akzent – da halt ich doch lieber meinen Mund, bevor mich wer wo einweist, oder? Wie auch immer, ich wollte mich nur bei euch beiden bedanken… ihr seid mit Abstand die größten Helden, die ich kenne!“
Luna wollte gerade antworten, als sie sich plötzlich auflöste und verschwand.
Dint-Ah polterte zu Boden.
„Macht sie das öfter?“ Die Frau beugte sich interessiert zu ihm hinunter.
„Au. Nein. Nie!“ Die Armbrust klang schon wieder grenzpanisch. „Es ist auch metaphysikalisch unmöglich, dass die Jägerin…“ – damit war auch Dint-Ah verschwunden.
Und hinterließ ein schulterzuckendes, die Mundwinkel verziehendes Ex-Höllenwächter-Opfer, das fand, nun sei aber endgültig der Zeitpunkt gekommen sich hemmungslos zu besaufen.
- – -
„Cool!“ war der erste Gedanke, der Joseph Multiplexx durch den Kopf schoss als er durch den bunten Strudel geschleudert wurde.
Aber schon bald langweilte er sich.
Der „Anti-Grav-Aqua-Park“ auf dem Asteroiden Ceres mit seinen Multimedia-Wasserrutschen war da doch noch um einiges cooler…
- – -
Ganz genau so hatte sich Zeus die Sache mit dem Tapetenwechsel eigentlich nicht vorgestellt.
Aber fürs erste war er dennoch ganz zufrieden.
„Okay, Sie können jetzt die Rothaarige reinschicken, Madame! Mit der Blonden bin ich fertig.“
„Sähr wohl, Monsieur Sös, wie Sie wünschen.“
- – -
„Ischeismioh! A n-dimensionala Vortex-Tunnöh dritta Ornung… des sixt a net an jeden Tog!“
Luna R. pfiff beeindruckt durch die Zähne.
„Wos maanst, wo ma do ausse kumman, Dint-Ah? Dint-Ah? DINT-AH?!? Jessas, wo is de oide Puffn? Ma, des gibts jo gor net, is der futsch a no!“
Luna fluchte vor sich hin, während sie durch bunt flirrende Schleier gegen die Wände des Strudels depperte wie eine tollwütige Flipperkugel.
- – -
ENDE DES ERSTEN TEILS
- – -
TEIL 2
- – -
Was rauscht so hallig durch Äther und Zeit?
Das ist der Vrze Lied!
Was kündet von Wachsamkeit, immer bereit?
Das ist der Vrze Lied!
Was ist fast so machtvoll wie der Schöpfung Gang?
Das ist der Vrze Lied!
Auch wenn sich schon mancher Vrz versang
Im Chor des Vrzen-Lieds!
Der letzte Vers gehört gar nicht hierher!
Hier in der Vrze Lied!
Wer murkst da rum im Quantenverkehr?
Und auch im Vrzen-Lied?!
Das grenzt ja fast an Blasphemie!
Im heil’gen Vrzen-Lied!
Vergiß es. Alter, du kriegst mich nie!
Ich pööps aufs Vrzen-Lied!
(„Der Vrze Lied“, einzig erhaltene Fassung)
- – -
„Es ist sinnlos…“
Sie starrte trübsinnig auf die Ursuppe des jungen Planeten unter sich.
„Unsere Liebe kann und darf nicht sein… Die Hindernisse sind unüberwindbar! Uns stehen Zeit im Weg und Raum. Und die uralten, ehernen Verbote, nie gebrochen in all den Äonen! Ich kann mich verzehren nach dir Liebster, Weltzeitalter um Weltzeitalter, allein, es ist vergebens. Dieser Weg ist nur Schmerz.“
Wehmütig ließ sie ihren Blick über die brodelnde und dampfende Jungwelt schweifen…
Doch halt, was war das für ein Kräuseln, dort drüben?
Gedankenverloren ließ sie sich näher schweben.
„Es schmerzt, Geliebter, es schmerzt so sehr… Alles daran – und jedes Jota Existenz in mir.“
Sie fokussierte ihren Blick auf die gekräuselte Stelle. Kein Zweifel! Erste Aminosäuren! Leben war offensichtlich gerade dabei zu entstehen!
“Doch welcher Schmerz wiegt schwerer nur? Der, dass wir nie zusammen sein werden? Oder der, dass du nicht einmal von meiner Liebe ahnst?”
Sorgfältig zerrieb sie die jungfräulichen Verbindungen zwischen ihren Fingern, die Evolution dieses Planeten um Jahrmillionen zurückwerfend.
- – -
Hans-Dieter landete unsanft auf dem kalten, glatten Boden.
Blitzschnell ging der Znork-Krieger in Verteidigungsposition und blickte sich um.
Zu seiner Bestürzung war er von einer Horde anderer Znork-Krieger umgeben, die ihn aus ihrer eigenen Verteidigungspose heraus belauerten!
Hans-Dieter erstarrte. Auch die anderen rührten sich nicht. Langsam tastete er nach dem Aahw.
Auch die anderen griffen nach ihren… Aahws?
Hans-Dieter schalt sich einen Narren. Spiegel! Weitaus glattere, bessere und vor allem mehr als in der Taverne von Hot Patootie – aber dennoch nur Spiegel. Ein wahres Labyrinth aus Spiegeln.
Er ignorierte das Jucken auf der rechten Schulter und suchte einen Ausgang.
- – -
Als Francois endlich landete, war er nur froh, sich bei der Herumwirbelei in diesem Lichttunnel doch nicht übergeben zu haben.
Ein Blick auf seinen Trenchcoat zeigte ihm jedoch, dass diese Freude verfrüht gewesen war.
“Shit.” Er zog ihn aus und warf ihn zu Boden.
Dann erst blickte Francois sich um. Er befand sich offenbar in einem langen schmalen und nur spärlich erleuchteten Gang. Die Quelle des dämmrigen Lichts war nicht erkennbar. Der Gang selbst schien sich in beide Richtungen ins Unendliche fortzusetzen. Die kühlen glatten Wände zeigten weder Ausbuchtungen noch Beschriftungen irgendwelcher Art. Alles wirkte wie aus einem Guss.
“Shit.” Francois fluchte erneut und fischte sich, äußerst vorsichtig, eine Packung Zigaretten aus dem am Boden liegenden Mantel. Streichhölzer hatte er noch in der Brusttasche seines Hemdes. Er lehnte sich an die Wand, zündete eine Zigarette an und inhalierte tief.
Was für ein Tag! Erst die üblichen Existenzängste, dann ein Hoffnungsschimmer in Form einer durchgeknallten Klientin.
Dann eine Tarantel.
Eine angreifende Tarantel, um genau zu sein. Francois blies heftig Rauch aus seiner Nase.
Und dann dieser Höllentrip durch das bunte Nichts.
Zuerst hatte er ja gedacht, die Spinne hätte ihn doch noch erwischt. Oder sein gestriges Single-Malt-Date hätte ihn doch noch eingeholt. Die Flasche und er hatten einen ausgesprochen netten Abend und Francois hatte sich schon gewundert, dass davon morgens nichts zu merken war.
Aber spätestens seit seiner Landung hier war ihm klar: der Trip war keine Einbildung. Nachdenklich betrachtete er den aufsteigenden Rauch.
Aber was nun? Ein unendlicher Tunnel, zwei mögliche Wege. Und die gute Chance bei einer Fehlentscheidung zu verhungern oder zu verdursten. Er inhalierte den letzten Zug, warf den Stummel zu Boden, trat darauf, ließ sich neben ihm zu Boden sinken und stierte vor sich hin.
Ein letzter dünner Rauchfaden stieg von dem glimmenden Stummel auf – und bog dann entschlossen in eine Richtung ab!
Ein Luftzug!
Und wo ein Luftzug war, war auch ein Ausgang! Francois packte seinen Trenchcoat – die saubere Innenseite um sein ungewolltes Reisesouvenir gewickelt – und machte sich auf den Weg.
- – -
Joseph ächzte. Sich ohne die Unterstützung durch Antigravfelder erheben zu müssen, war der dickliche Asteroidengürtelbewohner nicht gewohnt.
Die Alternative, nämlich in einer nassen, kalten Pfütze hocken zu bleiben, schien ihm allerdings auch nicht gerade verlockend…
Joseph sah sich um. Er befand sich am Boden von einer Art rundem Schacht, der von regelmäßig angebrachten, ovalen Lampen hell erleuchtet wurde. Ganz weit oben schien der Schacht von einer silbernen Scheibe abgeschlossen zu sein.
Joseph grunzte und stütze sich gegen die Wand. Der Blick nach oben hatte ihn zu sehr angestrengt und seinen Kreislauf gehörig durcheinander gebracht.
“Computer?”
“Ja, Spacecowboy Joe?”
“Ein Coffa-Kola, schnell!”
“Tut mir leid, Joe, aber wir sind außerhalb des Teleport-Bereichs des Wohnschiffs.” Die Stimme klang ironisch.
“Argh! Und was GIBT es!?”
“Nun, im Depot deines Multifunktionsanzuges befinden sich aktuell 0,3 Liter Wasser sowie ein Müsliriegel, angebissen…”
“Ich fnork auf dein Wasser! Sag mir lieber, wo ich bin und wie ich hier rauskomme!”
“Aufenthaltsort: unbekannt. Einziger Ausweg: nach oben.”
“Nach OBEN?!” Joseph schnaufte fassungslos. “Und wie stellst du dir das vor?! Mein Multi hat doch keinen eingebauten Antigravgürtel!”
“Meinen eingeschränkt möglichen Scans zufolge befinden sich über uns in regelmäßigen Abständen von innen zu öffnende Ausgänge. Der erste auf Höhe 17,53m.”
“17,53 METER!? Du hirnloser Haufen Elektroschrott!” Joseph war einem Kollaps nahe. “Soll ich da hinauf fliegen?”
“Nein, klettern. Die nach oben führende Lampenreihe hat einen für dich überbrückbaren Abstand, Joe.”
Joseph erstarrte. “…klet…tern…?”
“Ja. Die projizierte Überlebensdauer auf Grundlage der vorhandenen Vorräte beträgt…”
“Schon gut! Schon gut!” Joe seufzte tief. “Dann wollen wir mal…”
- – -
All diese neumodischen Geräte, Hebel, Schalter, Knöpfe und Lichter verwirrten Zeus.
Aber als er schließlich mit der rassigen kleinen Latina in deren Schlafzimmer alleine war, hatte er das ganze Zeug schnell wieder vergessen.
“Hapüh, manche Dinge ändern sich offenbar nie!”, dachte er, als sie die letzten Hüllen fallen ließ.
“Na dann, Zeit für’n wenig Remmidemmi!”
- – -
“Schas! Schas! Schas!” Luna R duckte sich unter den heranschwingenden Hammer, sprang zur Seite und landete knapp neben einem Riesenzahnrad.
Sie schwankte. Ihr Landeplatz war nur eine dünne Strebe, auf der sie nun auf Zehenspitzen balancierte. Langsam kippte Luna Richtung Zahnrad.
Die riesenhaften Zähne waren Teil einer Reihe von Zahnrädern, die sie unweigerlich zermahlen würden! In letzer Sekunde sprang Luna in die Tiefe, griff im Fallen nach der Strebe und baumelte nun hilflos über einem bodenlosen Abgrund voller rotierender Maschinenteile.
“Schas! Schas! Schas!”
Zuerst war sie von dem Vortex ja noch schwer beeindruckt gewesen. So einen Dimensionstransfer erlebt man schließlich nicht alle Tage! Aber als der Strudel sie inmitten eines Raums der Größe eines Wolkenkratzers gefüllt mit einer Art von tödlichem Riesenuhrwerk ausspuckte, war ihre Begeisterung schnell verflogen. Seitdem floh sie ohne Pause von einer unmittelbaren Bedrohung direkt zur nächsten.
“Voischas!”
In aller Kühle analysierte die Jägerin ihre Lage. Sie war durchtrainiert und kräftig genug, um noch eine Weile hier hängen zu bleiben. Oder sich wieder auf die Strebe zu schwingen – wo allerdings immer noch das bedrohlich nahe Zahnrad auf sie lauerte… Luna blickte abwärts.
Gut 20 Meter unter ihr rotierte in trägen Drehungen eine Art riesenhafter Ventilator, dreiflügelig, mit der Nabe nach oben, ihr zugewandt.
Die horizontal ausgerichteten Rotorblätter berührten weiter weg beinahe die Wand – an der es auf gleicher Höhe einen kleinen Ausgang zu geben schien!
Der Aufprall würde weh tun, keine Frage, aber sie könnte ihn überstehen!
Luna begann langsam die Rotation mitzuzählen: Wusch! – Eins – Wusch! – Zwei – Wusch! …
Der Trick lag darin loszulassen, wenn gerade kein Rotorflügel direkt unter ihr war, nur die gähnende, bodenlose Tiefe unterhalb des Ventilators.
Drei – Wusch! – Vier – Wusch!
Die Jägerin machte sich voll gespannter Erwartung bereit ihre Hände von der Strebe zu lösen… “Luna! Endlich!”
Dint-Ah, ihre treu ergebene Armbrust, materialisierte zwei Meter über Luna R, fiel haltlos und krachte ihr auf den Kopf.
Luna verlor ihren Halt und stürzte in die Tiefe.
Dint-Ah wirbelte vor Überraschung und Panik schreiend neben ihr durch die Luft.
Mit einer akrobatisch anmutenden Verrenkung gelang es Luna ihn zu fassen zu bekommen.
Endlich wieder vereint stürzten Luna und Dint-Ah auf den langsam heranschwingenden Rotorflügel zu.
Und verfehlten ihn um Haaresbreite!
Und damit die letzte Rettung vor dem tödlichen Aufprall, wo immer der Boden in diesem fast unendlich scheinenden Raum auch sein mochte.
Dint-Ah begann erneut zu schreien.
Luna griff blitzartig an ihren Brustgurt.
Bolzen – entnommen.
Armbrust – geladen.
Schuss – abgefeuert.
Flügel – getroffen.
Geschafft.
Luna hielt sich an Dint-Ah fest, der durch eine Schnur mit dem Bolzen verbunden war, der in dem Flügel des Ventilators steckte.
Luna pausierte nur kurz. Dann kletterte sie entschlossen und behände das Seil hinauf.
Oben angekommen zog sie den nur noch leise wimmernden Dint-Ah samt Seil zu sich auf die sichere, langsam rotierende Plattform.
“Luna! Genial!” Zurück in der Hand der Jägerin brach es aus Dint-Ah heraus “Den Seilbolzen einzusetzen – und so schnell! Das war eine Spitzenleistung, ich…”
“Dint-Ah…”
“Wirklich, ich finde…”
“Dint-Ah…” “
Ja, Luna?”
“Hoit afoch de Pappn.”
- – -
Zeus steckte bis zum Rumpf in einem süßlich riechenden, bernsteinfarbenen Sumpf.
Wie er genau da hinein geraten war, wusste er eigentlich nicht mehr so recht. Nur, dass er noch immer voll war wie eine Strandhaubitze.
Was immer eine Strandhaubitze auch sein mochte, überlegte Zeus träge. Er sah an sich herab.
“Hey! Bis zum RUMPF im SUMPF!”
Zeus lachte homerisch über den eigenen Gag.
Vermutlich hatte die stark gebaute Puffmutter Heike ihn aus Hot Patootie raus und in den Sumpf rein expediert. Oder vielleicht doch dieser Eunuch?
Zeus konnte sich nicht mehr so recht erinnern. Die vielen abgefahrenen Bräute aller erdenklichen Lebensformen hatten ihn verwirrt. Nicht, dass er in seinen besten Zeiten nicht alles gepoppt hätte, was nicht bei drei auf den Bäumen war, Nymphen, diverse Halbwesen…
Und auch er selbst war ja flexibel, mal Stier, mal Schwan, mal Regen… Aber im Patootie-Puff gab es schon die irrsten Weiber. Jedenfalls hoffte Zeus, dass es sich wenigstens in den meisten Fällen um weibliche Wesen gehandelt hatte.
- – -
Hans-Dieter war frustriert.
Er irrte nunmehr sicher schon eine Stunde durch dieses Labyrinth aus Spiegeln. Einige hatte er eingeschlagen, bis er bemerkte, dass es sich eigentlich um Türen handelte, die sich auch mit einem leichten Druck öffnen ließen.
Hinter den Türen befanden sich kleine Räume mit niedrigen, unterschiedlich geformten Wasserstellen. Nun, immerhin würde er nicht verdursten. Er nahm vorsorglich einen Schluck aus einer nahegelegenen Schüssel.
Nein, er musste planvoller vorgehen. Hans-Dieter nahm die traditionelle Meditationshaltung ein.
Vorsichtig ging er in den Doppel-Kopfstand, den noch immer juckenden Sekundärkopf mit dem Aahw abstützend, und grätschte die Beine in der Luft.
Sofort kehrte tiefe innere Ruhe in Hans-Dieter ein. Schritt für Schritt verdeutlichte er sich innerlich seine bisherige Route durch das Labyrinth. Nach und nach fügte sich ein Bild in seinem Geist zusammen. Die Wege waren offenbar alle rechtwinkelig angelegt! Abstoßend für einen Znork! Dennoch, der geistige Lageplan wies Hans-Dieter eindeutig zum einzigen möglichen Ausgang! Er beendete die Meditations-Grätsche.
Wieder auf den Beinen machte er sich umgehend auf den Weg, zuversichtlich und zufrieden.
Bis auf dieses lästige Jucken am Sekundärkopf.
- – -
Leicht illuminiert und guter Dinge verließ Susanne Srp die Bar und nahm es daher auch eher gelassen hin, als ein gutaussehender, muskulöser Mann nur mit einer Toga bekleidet unmittelbar vor ihr auf der nächtlichen Straße materialisierte.
In der Hand hielt er ein seltsames gusseisernes Ding. Der Mann schien kurz etwas orientierungslos, kam dann aber mit einem breiten, gewinnenden Lächeln auf sie zu.
“Ich gebiete dir Grüße, süße Schnecke. Ich bin Zeus. Mein Ziel ist Vergnügen und Entspannung. Was geht ab hier?”
Susanne starrte ihn an.
Sie ließ den Abend noch mal Revue passieren. Zuerst wurde sie von einem nach Moder (und einer Prise Ingwer) stinkenden Monster attackiert. Danach war sie von einer Ninja-Frau mit tiefem Dialekt samt einer sprechenden Armbrust gerettet worden. Die sich beide sodann in Luft auflösten. Und jetzt stand ein altgriechischer Hühne mit heftigen Anflügen von Teenagerslang vor ihr und wollte Spaß.
Susanne Srp zögerte kurz.
Dann rückte sie die Reste ihres zerfetzten Kleides zurecht, nahm den bärtigen Togaträger bei der Hand und sagte lächelnd: “Na, dann komm, Junge… ich kenn da eine nette Bar ganz in der Nähe, mit recht hoher Toleranz für nur partiell bekleidete Kunden…”
- – -
“Verdammt langer Tunnel!”
Francois Truffaut fluchte mürrisch, während er sich langsam durch die matt erleuchtete Röhre fortbewegte.
- – -
Schweiß schoss Space Cowboy Joe in Strömen aus allen verfügbaren Poren.
Mittlerweile klammerte er sich keuchend an Lampe #19 fest, während er wackelig auf Lampe #17 balancierte. Der Abstand von etwa einem Meter zwischen den in der Wand eingelassenen Lampen wie auch ihre Dimension wäre eigentlich ideal gewesen. Zum Klettern. Wenn man denn Klettern konnte. Oder es zumindest theoretisch beherrschte. Was beides bei Joseph nicht der Fall war.
“Com…com…pu…ta…hhh”
“Ja, Spacecowboy Joe”
Die Stimme klang wieder eine Spur spöttisch.
“Wo… wo… wo ist…”
Er holte tief Luft.
“Ja?” “Wo ist denn nun dieser verdammte Ausgang!”
Joe versuchte die Worte zu brüllen, brachte es aber gerade mal auf ein heiseres Bellen.
“Direkt neben dir. Allerdings würde ich davon abraten ihn zu öffnen.”
“WAS?”
“Nun, ein Nah-Scan zeigt, dass dieser Ausgang ins Vakuum führt.”
“WAS?”
“Der nächste sinnvolle Ausgang liegt etwa 5,25 Meter über dir.”
“WAS?”
“Außerdem würde ich mich beeilen- die Silberscheibe über uns hat gerade begonnen sich nach unten zu bewegen. Ich fürchte wir sind in einem Liftschacht.”
“W..?”
“Und nach meinen Scans scheint der Boden des Lifts passgenau mit dem Boden des Schachts.”
Joe verstummte und starrte versteinert aufwärts zur langsam sinkenden Scheibe.
- – -
“Verdammt, verdammt langer Tunnel!”
Francois stand der Schweiß auf der Stirne. Weniger aus Anstrengung als aus aufkeimender Panik.
- – -
“Faszinierend, nicht?”
Dint-Ah hatte zu einem beiläufigen Plauderton zurückgefunden.
“Erst ein n-dimensionaler Vortex – und nun das… Wozu der enorme Maschinenraum wohl dient? Es scheint sich um Prä-Rzische Technik zu handeln. Im ‘Buch Emotikon’ findet sich so was nicht. Interssante Röhren, oder, Luna?”
Schweigend stapfte Luna R. tief gebückt durch eine Art enger Verbindungstunnel voller Röhren und Kabel.
“Ähm, jedenfalls ein, ähm, inspirierendes Ambiente, oder Luna? Luna?”
Luna blieb stehen und hob mit einem Ruck ihre Armbrust auf Augenhöhe.
Dint-Ah stieß hart gegen ein offenbar aus Messing gefertigtes Rohr und stöhnte auf.
“Au, Luna, was…”
“Jetzt hoits amoi zam, Deppata! Du host mi ums Oaschleckn hamdraht, du Fetznschädl! Und außadem, wos is mit ‘Funkstille halten in ungeklärten Gefahrensituationen’, Oida? Pappn zua in Feindesland – des host ma scho in meina erschtn Lektion dazöhlt, oda?”
“Nun, Luna… nicht direkt wörtlich…”
“Dint-Ah!! Zerst zermerscherst mia hoibat den Schädl, weust di vaspätet host… wie gibz des ibahaupt? I hob glaubt mia san “unauflöslich verbunden’?”
“Dabas weibeiß ibich aubauch nibicht,, Lubunaba….”
“WOS?”
“Dabas weibeiß ibich aubauch nibicht, Lubunaba!”
“Sog, geht’s da no guat?!”
“B-Sprache, Luna, zur Verschleierung unserer Kommunikation!”
“Dint-Ah… den Bledsinn hob i des letzte Moi in da Voiksschul vawendt…”
“Oder weißt du was Besseres?” Dint-Ah klang pikiert.
Luna starrte ihre Armbrust an.
“Waabaast wobos… Gebeh aba bibissibi ibin Oboasch…”
- – -
“Verdammt, verdammt, verdammt langer Tunnel!!”
Francois stand kurz vor einer Panikattacke. Unbewusst begann er die “Marseillaise” zu pfeifen.
- – -
“Beim dreifachen Nabel des Großen Znurk!”
Ein Ausruf tiefster Frustration brach aus Hans-Dieter hervor. Wütend stampfte er mit seinen Hufen.
Gerade erst hatte er den Pforten-Dämon besiegt und nun das! Wieder endlose Gänge und abscheuliche rechte Winkel – und noch mehr Pforten! Dabei war Hans-Dieter zuletzt recht zuversichtlich gewesen. Nach der Meditationsgrätsche hatte er den Ausgang sehr schnell gefunden gehabt. Im Gegensatz zu den Spiegeltüren des “Labyrinths der Wasserstellen” war die Ausgangtür weiß mit einem darüber montierten blauen Licht gewesen. Gerade als Hans-Dieter sie aufdrücken wollte, hatte sich die Tür vor seinen Augen in Nichts aufgelöst! Reaktionsschnell war der Znork zurückgesprungen!
Er hatte Kampfstellung eingenommen, die eine Hand am Aahw, die andere mit ausgefahrenem Daumennagel nach vorn gestreckt.
“Entzücket! Barrieren perdü!”
Süßlich war die Stimme von oben herab erklungen. Hans-Dieter war regungslos verharrt.
“Verbleiben erwünscht! Genießet!”
Die Tür war wieder erschienen.
Hans-Dieter hatte die Ohren seines Primärkopfes kreisen lassen. Er hatte die Nüstern gebläht. Nichts hatte sich geregt. Langsam hatte er seine starre Haltung aufgegeben.
Augenblicklich hatte die Tür sich aufgelöst.
“Vollbracht es sei? Der Weg befreit! Auf zum Glück, wohlan!”
Hans-Dieter hatte sich zu Boden fallen lassen.
Das blaue Licht hatte geflackert.
“Zusammenbruch körperlicher Funktionen? Assistenz erwünscht? Was beliebt? Krankenhaus oder Krematorium?”
Mit einer katzenartigen Bewegung war Hans-Dieter emporgeschnellt und hatte mit seinem ausgefahrenen Daumennagel die Leuchte von oben nach unten und von links nach rechts durchschnitten, noch ehe die Stimme “Freude! Lebensgeister wieder hergeshnhdgge*brtzl*–*bp*——–” sagen konnte.
Hans-Dieter war auf allen Vieren am Gang vor der Tür gelandet, während das Licht hinter ihm mit einer kleinen Stichflamme explodiert war. Er hatte sich aufgerichtet.
Dann sein Fluchen, sein Aufstampfen und die Erkenntnis von weiteren Gängen mit weiteren Pforten umgeben zu sein.
Hunderte Gänge. Alle im rechten Winkel. Genug um einen Znork in den Wahnsinn zu treiben! Ganz abgesehen von dem irre juckenden Sekundärkopf…
- – -
Langsam begann Wrz der Weise nervös zu werden und sich Sorgen zu machen. “Du siehst, nervös aus, alter Mann. Machst du dir Sorgen?”
“Keineswegs, junge Dame!” Wrz setzte sein gewinnendstes Lächeln auf. “Alles läuft genau nach Plan!”
Er begann “Der Vrze Lied” zu pfeifen.
- – -
Heftig keuchend und prustend lag Joseph Jonathan Multiplex XVII. am Boden eines hell erleuchten Ganges. “Tief einatmen, Spacecowboy Joe.” Wäre er in der Lage gewesen auch nur einen Finger zu rühren, hätte Joe ohne Zögern den Computer des Multi-Anzugs freudig zu Brei geschlagen.
“Und tief ausatmen! Gut, deine Körperwerte normalisieren sich langsam – auf was bei einem übergewichtigen 13-jährigen eben normal heißt.”
Joseph keuchte wehrlos. Er konnte sich nicht daran erinnern den Computer auf Zynismus programmiert zu haben. Hinter ihm gähnte der Abgrund. Er hatte sich mit letzter Kraft in den Gang gehievt, gerade als der abwärtsfahrende Lift an seiner Position vorbei gerauscht war. Der im Vorbeifahren noch einen Teil seines linken Stiefelabsatzes mit sich gerissen hatte.
“Wasser!”
„Ich dachte du fnorkst drauf, Joe?”
Joseph stöhnte und begann sich langsam aufzustemmen. Schließlich gelang ihm eine aufrecht sitzende Position. “Computer! Wasser!!”
“Dein Wunsch ist mir Befehl, Spacecowboy Joe” flötete die Stimme und ein Strahl Wasser ergoss sich aus einem kleinen Schlauch in Joes Mund. Eigentlich trank Joe nie Wasser. Seinen Flüssigkeitsbedarf deckt er ausschließlich mit Softdrinks und pflanzlichem Pizza-Belag. Dennoch wirkte der gierig aufgesogene und geschluckte Strahl sofort. Joeseph fühlte sich schlagartig frischer und munterer. Er erhob sich wackelig auf seine Beine und unterdrückte den Wunsch den Haupt-Chip seines Computers als Kartoffelchip-Ersatz zu nutzen.
“Hm…”
“Hm…”
“Hm…”
“Hm…”
“Das hast du jetzt schon vier Mal gesagt. Space Cowboy Joe.” Die kurze Pause vor seinem gewählten Kampfnamen war nicht zu überhören gewesen. Irgendwas war mit dem Computer seit der Reise durch den Vortex deutlich anders. Joseph wünschte, er hätte einen Schraubenzieher bei sich…
- – -
Zeus hatte die Hucke schon ziemlich voll. Auch Susanne Srp hielt sich deutlich beschwipst am Tresen der Bar fest. Der körperliche Kontrollverlust gewährte dem Barmann erstaunlich tiefe Einblicke auf den Inhalt ihres zerrissenen Kleides.
“Is derzeit irgend so a Kongress in der Stadt?”
Auch während der Frage steckten die Augen des Barmanns tief in den vielfachen Ausschnitten.
“Kongress? Was denn für ein Kongress?” Susanne versuchte die Einblicke durch Zurechtrücken der Fetzen ihres Kleides zu minimieren. Nach der Erweiterung der Pupillen und dem Blick des Barmanns zu schließen mit geringem wenn nicht eher sogar gegenteiligem Erfolg.
“Na, ihr zwei Hübschen seid’s nicht die ersten Halb-Nackerten, die heut Abend hier reinspaziert sind… Oder is scho wieder Life-Ball?”
Zeus hatte inzwischen beschlossen einen Kasatschok auf einem der Tische hinzulegen, was dieser jedoch nicht lange durchhielt. Der Tisch krachte zusammen, der Göttervater landete auf seinen vier Buchstaben und das Bierglas in seiner Hand ergoss sich über seine Toga. Nach einem verdutzen Rundumblick erhob sich der Olympier, warf die Hände in die Luft und ließ ein ohrenbetäubendes “POLONÄSE!” erschallen.
“Er ist neu in der Stadt” bemerkte Susanne entschuldigend und etwas peinlich berührt “Und vermutlich neu in diesem Jahrhundert” murmelte sie leise in ihr Glas, damit der Barkeeper es nicht hören konnte, der aber ohnehin noch immer damit beschäftigt war ihr in die ständig wechselnden Ausschnitte zu glotzen, während Zeus mit einem orgiastischen ausgerufenen “Conga-Schlange!” begann mit Trippelschritten die Hände auf den Schultern eines imaginären Vordermanns seinen gelegentlich durch die Toga aufblitzenden Hintern durchs Lokal zu wackeln.
- – -
“Allons enfants de la Patrie, Le jour de gloire est arrivé! ” Zwo, drei, vier. “Allons enfants de la Patrie, Le jour de gloire est, est… le jour de gloire est… le jour de… de…” Francois Truffauts Stirn war schweißnass. Seine Schritte gerieten zum Humpeln. Er keuchte.
Auch das mantraartige Absingen der Marseillaise konnte nach dem gefühlten 500. Mal seine aufkeimende Panik nicht länger unterdrücken . Einfach. Noch. Etwas. Weiter. Irgendwann musste dieser verdammte Gang doch ein Ende haben!!! Zitternd quälte Francois sich voran.
Noch. Einen. Schritt. Und. Noch. Einen. Schritt. Und… Unvermittelt stieß Francois Truffaut mit seinem Kopf auf einen harten Widerstand. Er schrie vor Erleichterung auf! Dann noch mal. Vor Entsetzen. Denn der Tunnel endete zwar hier, aber in einem Stück Mauer ohne Ausgang!
Sämtliche Kräfte verließen ihn und er lehnte sich gegen eine Seitenwand, die plötzlich nachgab und ihn unversehens in einen hellen Raum kippte.
- – -
“Du… Luna…“
“Pscht!”
“Ach ja! Äh… Dubu Lubunaba…”
“PSCHT!”
“Ababeber mibir…”
“Geeeh bitte! Loß den Schas und hoits afoch zam!”
“….”
“….”
“….”
“… du, Luna…”
“Hoits zam, hob i gsogt! Es is scho Hockn gnua zwischen den Röhrln do ohne Anstoßn durchzukreuln! Do brauch i di net a no mit deine obagscheitn Ezzes iba ‘Das korrekte Verhalten des Dämonenjägers in Extremsituationen’ oda sunst wos!”
“….”
“….”
“….”
“… aber, Luna…”
“….”
“….”
“….”
“… Luna…!”
“Wos is?!”
“Äh, naja, gerade die Rohre….”
“Wos is mit dena?”
“Nun, Luna, ich hatte Zeit sie zu beobachten und ich denke, sie sind nicht echt…”
“WOS?!”
“Also, ich vermute, sie sind Hologramme…”
Luna erstarrte in der Bewegung. Langsam und ungläubig griff sie nach einem Kupferrohr, das jedoch von ihrer Hand glatt durchdrungen wurde. Sie zog ihre Hand zurück und starrte sie an. Dann griff sie nach einem Bleirohr über sich – Luft! Nach einer Kabelleitung vor ihr – Luft! Immer hektischer und schneller griff die Jägerin nach sämtlichen verfügbaren Leitungen rund um sich, die ihr alle keinerlei Widerstand entgegen setzten.
“AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRRGGGGGG
GGGGGGGGGGGGHHHHHHHHHHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! AUTSCH!!!!!!!!!”
Nach ihrem Schrei der Wut hatte Luna ihre Faust mit voller Wucht gegen eine Wand gedonnert, die sich unglücklicherweise als solide erwies.
“Sakrahaxn! Haast des i duck und schleich mi de gonze Zeit umansunt zu an Trottel? I hob scho an wechen Buckel von dera deppatn Kriecherei!”
“Ich muß aber sagen, dass du das hervorragend gemacht hast, Luna… du hast die ganze Zeit auch nicht ein Rohr berührt! Solide Ausbildung! Dein jahrelanges To-Fu-Training nach den Regeln des Großen Buches Emoticon waren nicht vergebens! Diese katzengleiche Geschicklichkeit…”
“Dint-Ah…”
“Klar, wärst du nicht SO perfekt ausgewichen, wäre dir vermutlich früher aufgefallen…”
“Dint-Ah!”
“Ich hab es ja selbst nur bemerkt, weil ich an der einen Stelle…”
“DINT-AH!”
“Ja, Luna? Oh, lass mich raten: ‘Hoit do afoch de Pappn’?”
Noch ehe Luna antworten konnte, touchierte Dint-Ah einen verborgenen Knopf in der Wand, worauf sich der Boden öffnete und beide in die Tiefe stürzten. Schon wieder.
- – -
“Hm.”
“Nach 27 nachdenklichen ‘Hm…’ klang dein letztes ‘Hm.’ doch um einiges entschiedener, muss ich sagen, Spacecowboy Joe.”
Der nun wieder! Nach einer erstaunlich geduldigen Schweigepause meldete sich der Computer in Josephs Multifunktionsanzug wieder auf seine neue schnippische Art. Joseph wünschte sich erneut einen Schraubenzieher bei sich zu haben. Oder zumindest einen Hammer.
“Ich hab den richtigen Weg gefunden.”
“Tatsächlich, Spacecowboy Joe?” Der Zweifel in der künstlichen Computer-Stimme des Multifunktionsanzuges war nicht zu überhören.
Joseph schnaubte, ignorierte den Kommentar jedoch und stampfe mit schweren Schritten in die Richtung einer großen zweiflügeligen Türe los.
- – -
Und am Ende des breitesten der verhassten rechtwinkeligen Gänge – schon wieder ein Spiegel! Das Blut in Hans-Dieters Adern wallte auf. Mit einem uralten Kampfschrei, der ein Dutzend Hyänenpapageien vor Schreck von ihren Ästen in die Paloopah-Sümpfe hätte stürzen lassen, stürzte sich der stolze Znork-Krieger auf den Spiegel.
Und durchbrach ihn, eine Myriade von Glasspilttern hinter sich herabregnen lassend.
- – -
Seine steigende Nervosität war nicht mehr zu verbergen. Wrz der Weise drehte immer enger werdende Kreise auf dem blanken Boden, was alle vier Schritte ein komisches Quietschgeräusch hervorrief. Dazu pfiff und summte er noch immer Der Vrze Lied. In Endlosschleife. Zwar war Zeit für ihn relativ und er hatte auch so manchen Trick drauf, um hier noch nachträglich Dinge wieder zurechtzurücken… Aber manchmal war die korrekte Konvergenz von Ereignissen ausschlaggebend für Erfolg oder Nicht-Erfolg, der dann nicht mehr zu ändern war.
Sie beobachtet den Kreise ziehenden Weisen schweigend. Ihre bissigen Kommentare hielt sie für den Moment zurück. Sie machte sich Sorgen. Zwar hatte sie gegen ihn gewettet, aber tatsächlich wünschte sie dem Alten den Sieg. Zuviel, allzuviel hing von dem Erfolg seiner Pläne ab.
Sie befanden sich in einem sehr großen, sehr hohen und sehr hell erleuchteten Saal. Die Lichtquelle war nicht auszumachen. Es schien eher so, als ob die glatten hellen Oberflächen der Wände, der Decke und auch des Bodens aus sich selbst heraus leuchteten. An einer Wand befand sich eine drei Stufen hoch gelegene runde Plattform, geräumig und mit mehreren bequemen Sitzgelegenheiten ausgestattet. An den anderen Saalwänden reihten sich verschieden gestaltete und verschieden große Türen aneinander, unterbrochen von großen Spiegeln. Ein Teil der kuppelartigen Decke war transparent. Dahinter brodelte und waberte gespenstisch still ein gestaltloses und farbloses Nichts.
Wrz der Weise blieb abrupt (und mit einem kurzen) Quietschen stehen. Er blickt die neben und leicht schräg über ihm schwebende Gestalt an. Er räusperte sich. „Ich, nun, ich… also, die letzte Sekunde hat soeben begonnen, daher denke ich…“ In diesem Moment brach die Hölle los.
- Mit einem ohrenbetäubenden Krach zerbarst einer der großen Spiegel in Myriaden von Glassplittern, die langsam zu Boden regneten. Zugleich erklang ein markerschütternder Schrei, der von dem seltsamen athletisch gebauten Wesen ausging, das den Spiegel durchbrochen hatte.
- In der Decke öffnete sich eine Art Falltür und eine in schwarzem Leder gedresste junge Frau stürzte zu Boden, in der Hand eine archaische Waffe haltend. Während ihres Sturzes schrie sie dabei etwas, das seltsam verzerrt nach „Naaaaaa… neeed schooo wiedaaaaaa!“ klang.
- Neben dem Podest öffnete sich eine verborgene Tür in der Wand und ein hagerer Mann mit weißem Hemd und Krawatte stürzte durch die Öffnung großäugig und stumm Richtung Boden. In den Armen hielt er einen zusammengeknüllten hellen Mantel mit eingetrockneten grünen Flecken darauf.
- Inmitten des Chaos öffnete sich eine zweiteilige Schiebetür mit einem leisen Zischen. Mit langsamen, ungelenken Schritten stapste ein in einem Ganzkörperoverall steckender geradezu unglaublich fetter, pickeliger Teenager in den Saal und sah sich unbeeindruckt um.
„Na, wenigstens einer kommt durch die Tür…“, bemerkte die über Wrz dem Weisen schwebende Gestalt ironisch. Wrz selbst war starr stehengeblieben und verharrte auch regungslos, als Luna R laut fluchend und mit einem knochenbrecherischen Geräusch direkt neben ihm aufschlug.
- – -
Nachdenklich betrachtet Susanne Srp den halbnackten schnarchenden Mann auf ihrem Sofa. Sie selbst war in einen Bademantel gehüllt, der immerhin mehr von ihren durchaus ansehnlichen Formen verhüllte als das von einem Höllendämon in Fetzen gerissene Kleid von gestern Abend. Der Hüne passte nicht ganz auf das Designerstück und seine in Ledersandalen steckenden Füße ragten weit in den Raum. Eine der Metallschienen war ächzend zusammengebrochen als er gegen Morgen stockbesoffen und steif draufgeknallt war wie eine dorische Säule bei einem Erdbeben.
So wie ihr Kleid gestern Abend bot jetzt auch die Toga des lauthals Schnarchenden tiefe Einblicke auf das Darunterliegende. Susanne seufzte und zupfte ihren Bademantel zurecht. Sie selbst hatte nur wenige Stunden unruhig geschlafen und anschließend ausgiebig heiß geduscht. Sie war ziemlich überrascht gewesen dieses rotbärtige Muskelpaket in ihrem Wohnzimmer vorzufinden, als sie aus der Dusche gekommen war. Denn eigentlich war sie beim Aufwachen ziemlich sicher, die gestrige Nacht wäre nur ein Wahntraum gewesen. Ein Theorie, die auch von ihrem enormen Kater fundamental unterstützt wurde. Und, wenn man sich ehrlich war, was klang dann plausibler? Sich an der Gratis-Bar der Preisverleihung, oder auch schon auf dem Weg dorthin, in ein fröhliches Delirium zu saufen? Oder von einem höllisch stinkenden (und gleichzeitig nach Gewürzen duftenden) Monster mit zehn pentagrammförmig angeordneten Augen in einer Seitengasse angegriffen und von einer Kung-Fu-Kämpferin mit Armbrust gerettet zu werden? Eben.
Aber ihre Theorie und in gewisser Weise Hoffnung hatte sich zerschlagen als sie aus der Dusche kommend das Wohnzimmer betreten hatte. Denn da lag Zeus nun auf ihrem Sofa. Und wenn sie sich nicht sehr irrte, bahnte sich bei ihm gerade eine Morgenlatte göttlichen Ausmaßes an.
- – -
Alle Neuankömmlinge erstarrten, kaum dass sie den Saal betreten hatten.
Hans-Dieter inmitten des von ihm verursachten Scherbenhaufens und angesichts eines Raumes, den sein an die wilden Paloopah-Sümpfe gewohntes Hirn kaum fassen konnte. Oder in seinem Fall eigentlich Hirne.
In Francois Truffauts Brust tobten widersprüchliche Gefühle. Zum einen war sehr er froh über die Rettung aus dem klaustrophobischen Tunnel. Zum anderen war er mehr als überwältigt von dem futuristischen Ambiente des Saals. Und zum dritten war er peinlich berührt, da sich sein-Trenchcoat im Fallen entrollt hatte und er mit der rechten Hand voll in dem Souvenir seiner Reise durch den Lichttunnel gelandet war. Shit.
Joseph Jonathan Multiplex XVII, genannt Space-Cowboy Joe blieb abrupt stehen. Da sich der plumpe 13-Jährige in seinem seltsam schimmernden Ganzkörperoverall allerdings von vornherein nicht sehr schnell bewegt hatte, fiel sein abruptes Stehenbleiben jedoch nicht allzu abrupt aus. Im Übrigen war er nicht sonderlich beeindruckt. Weder vom Ambiente des Raumes, noch von der seltsamen Mischung an Personen und Spezien. Der Anti-Grav-Aqua-Park auf dem Asteroiden Ceres mit seinen Multimedia-Wasserrutschen war da doch noch um einiges schräger und cooler.
Luna R erhob sich stöhnend, renkte sich mit markerschütterndem Knacken mehrere Gelenke wieder ein und war die erste der seltsamen Versammlung die wieder Worte fand. „Maaah! A sooo a Schaaas! Den Tog konnst echt in Kibel haun!“ Luna griff nach Dint-Ah und ließ einen wachsamen und forschenden Blick über die Runde schweifen. Schließlich blieb ihr Blick auf der Gestalt hängen, neben der sie von der Falltür in der Decke des Saals stürzend zu Boden gekracht war. Langsam nahm sie ihre Armbrust in Anschlag. Sie spannte den Bogen und ließ die Schnur einrasten. „Und waun mi ned ollas teischt, daun is des do unsa vaehrtasta Herr Gostgeber…“ Ihr Bolzen zielte auf den Kopf eines kaum 50 Zentimeter hohen, blauen, Aufblasbaren Gummipferds, das stumm und regungslos neben ihr stand.
Alle Blicke, die nach ihrem Aufrappeln eher der auffallend und anregend gedressten Kämpferin gegolten hatten, wandten sich dem kleinen blauen Gummitier zu. Das freilich in seiner schon zuvor gezeigten stoischen Regungslosigkeit verharrte. Hans-Dieter, der großgewachsene Znork-Krieger, begann langsam sich der Frau mit der Armbrust zu nähern, instinktiv jede Deckung ausnutzend, von der es aber in dem großen leeren Saal naturgemäß so gut wie keine gab, was ihn naturgemäß extrem nervte. Luna beobachtete das Herannahen des Znorks aus den Augenwinkeln ohne jedoch im Anvisieren ihres Ziels auch nur einen Millimeter zu schwanken. Je näher er kam, desto strenger wurde auch ein unangenehmer Geruch, der von einem halb gegerbten und halb verfaultem Tierkadaver auszugehen schien, der an dem Gürtel des Kriegers baumelte. Seltsamerweise jedoch nicht ganz synchron zu den Bewegungen des Znorks.
Noch bevor der Krieger Luna erreicht hatte, nahm ihre durchtrainierte Nase einen zweiten, nicht weniger unangenehmen Geruch wahr. Der Mann, der durch die Wand gestürzt war, näherte sich ihr von der anderen Seite, eine Duftwolke aus Tabak und Erbrochenem ausströmend. Luna korrigierte ihren Stand, um auf etwaige Angriffe vorbereitet zu sein, ließ dabei aber das blaue Gummipferd keine Sekunde aus den Augen.
Spacecowboy Joe bedauerte in diesem Moment zwei Dinge. Erstens, dass kein Popcorn mehr in seinem Multifunktionsanzug vorhanden war. Und zweitens, dass es keine Sitzgelegenheiten in seiner unmittelbaren Umgebung gab. Auch ohne panische Kletterpartien durch bedrohliche Liftschächte war er Stehen nicht gewohnt. Aber die Aussicht auf den Anblick des einen oder anderen abgerissenen Kopfs stimmte ihn dennoch heiter.
„Wauns es zwa Schtinkatn no an Schritt weida mochts, moch i zerscht a por Lecha in eich! Fast schneller als für das Auge wahrnehmbar zielte Luna kurz auf den Hauptkopf von Hans-Dieter, dann auf den einzigen von Francois, um sodann ihre Waffe dann wieder starr auf das Pferd zu richten. Während der fließenden Bewegung hatte sie außerdem zwei Mal den Bolzen gewechselt. Am Nachladen würde das Löchermachen also nicht scheitern. Die beiden herannahenden Männer hatten den Wink mit der Armbrust offenbar verstanden und waren in einem Respektanstand stehen geblieben.
Luna wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem blauen Gummipferd vor ihr zu: „Dazöh , oida, oda i moch da mehr Lecha ois in an Teeseichal!“
- – -
Susanne betrachtete nachdenklich ihre Fingernägel. Die Strapazen der letzten Nacht hatten ihnen und dem roten Lack darauf nicht gut getan. Monster in Seitengassen, Götter auf ihrer Couch… es wurde langsam Zeit ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Susanne erhob sich. Sie schob ihren Bademantel zurecht, schritt auf den schlafenden rotbärtigen Hünen auf ihrem Sofa zu und zupfte ihn an den langen Locken.
„He, Barbarossa, Zeit aufzuwachen, ich brauche mein Sofa um…“ Kraftstrotzende Finger um ihr Handgelenk, feurig blitzende Blicke aus den Augen eines plötzlich aufrecht Sitzenden machten ihr eines klar: auch ein besoffener, verirrter und verwirrter Gott war immer noch ein Gott!
„Die Hände von mir, Weib!“ Die donnernde Stimme von Zeus ließ sämtliche Designer-Einrichtungsgegenstände von Susannes Wohnung erzittern. „Außer du hättest vor sie weiter südlich einzusetzen. Mein oller kleiner Freund würde sich einen abfreuen.“ Ein sanfterer Ausdruck legte sich auf die Augen des Göttervaters und auch die kleinen Gewitterwolken, die sich an der Decke manifestiert hatten, lösten sich langsam auf.
Susanne Srp seufzte aus tiefstem Herzen.
- – -
SIE schwebte reglos im interstellaren Raum. Ihr Geist zugleich in alle existierenden Richtungen und Dimensionen geöffnet. Gleichzeitig waren aber alle ihre Gedanken und Gefühle ausschließlich nach innen gerichtet. Wenn dort auch wenig Erfreuliches zu finden war.
„Vergebens, alles vergebens. Mein Hoffen, mein Bangen, mein Zittern. Unerfüllt der tiefe Abgrund meiner Sehnsucht. In Ewigkeit. Ach.“
Am Rande ihres Wahrnehmungsfelds trieb träge ein Eisasteroid durch den Raum. Im Inneren konnte sie einige tiefgefrorene organische Substanzen, ja, sogar Viren und primitive Einzeller erspüren, die von einem der Millionen belebten Planeten der Milchstraße stammen durften.
„Der Schmerz – wie tief er in mir bohrt. Das Sehnen – wie es mich bis zum Bersten erfüllt. Denn nie, nie wird sich unsere Liebe erfüllen!“
Auf seinem derzeitigen Kurs würde der Asteroid in ein paar hunderttausend Jahren mit einem bislang leblosen Wasserplaneten im nächstgelegenen Sonnensystem kollidieren und mit seiner gekühlten Fracht potentiell die Grundlage einer neuen vor Leben nur so strotzender Welt schaffen.
„Hohl. Hohl und leer. Hohl und leer und taub. So fühlt sich alles an in mir, ohne dich. Aber mit dir kann ich nicht und werde ich nie sein.“
Mit einer fast unmerklichen Geste ihres kleinen Fingers änderte sie den Kurs des Asteroiden minimal, dessen Bahn ihn nun in ferner Zukunft knapp an dem Wasserplaneten vorbei und direkt in die von ihm umkreiste Sonne führen würde.
- – -
Rolf-Martin wusste nicht recht, welchen seiner 27 pilzartigen Köpfe, die über seinen Oberkörper verteilt waren, er zuerst kratzen sollte. Erschwerend kam hinzu, dass er nur über eine Hand verfügte, die an einem langen, vielgelenkigen und aus seinem Bauch herausragenden Arm saß. Obwohl zahlreich waren seine Köpfe jeweils nur mit sehr schwachen Sinnesorganen ausgestattet. Und auch nicht mit besonders viel Hirnmasse. Dennoch konnte der Bürgermeister von Hot Patootie zweifelsfrei erkennen, dass in seiner Stadt heute etwas fehlte. Nämlich das Rathaus.
An der Stelle, an der es normalerweise zu finden war, gähnte ein tiefes Loch, wie nach einer heftigen Explosion. Nur, dass keine Trümmer zu sehen waren. Die nur lose verbundenen 27 Gehirnteile Rolf-Martins begannen knackend zu arbeiten und sich zu vernetzen. Schließlich begannen seine 27 Schallmembranen gleichzeitig zu vibrieren.
„Das Rathaus stand an diesem Ort – doch wie ich seh ist es nun fort. Darüber bin ich gar nicht froh – denn fort ist damit mein Büro. Auch grummelt mir bereits der Bauch – doch fort ist die Kantine auch. Was soll ich jetzt, was tu ich bloß? – Bin rat- sowie auch rathauslos!“
“Ähem, bravo, Lord Mayor, bravo. Wenn ich aber ihre Aufmerksamkeit auf eine weitere, nicht minder desaströse Tatsache hinweisen dürfte?“ Der schleimige Adlatus des Bürgermeisters machte sich zischelnd hörbar. Und das war durchaus wörtlich zu nehmen, denn schlangenähnliche Schlosche waren dafür bekannt ununterbrochen eine hellglänzende, mild parfümiert riechende Substanz abzusondern, die ihnen ihr typisch schleimiges Äußeres verlieh.
„Was soll das sein, sag an Klaas-Hein?“ Glatte 20 der 27 Pilzhirne der Gronlinge, zu denen auch Rolf-Martin zählte, dienten dazu Gronlinge stets in Reimen sprechen zu lassen. Was dazu führte, dass die geistige Kapazität der restlichen 7 nicht immer dazu ausreichte auch nur das Offensichtlichste zu erkennen.
„Nun, Lord Mayor…“ Klaas-Hein schleimte aus zunehmender Nervosität auffällig stärker als gewöhnlich „Mit dem Rathaus… ist wohl auch… das Za-Arkhl verschwunden…“ Rolf-Martin starrte seinen Adlatus aus 27 schwach ausgeprägten optischen Wahrnehmungsfeldern an. „Scheiße.“ Mehr brachte der Bürgermeister von Hot Patootie nicht zustande. Ein Reimwort blieb diesmal aus.
- – -
„Du sprichst Sprache von verrückten Berg-Znirks. Warum?“ Hans-Dieter hatte sich Luna nicht weiter genähert, dennoch schnellte der Kopf der Jägerin pfeilschnell in seine Richtung, kaum dass der Znork-Krieger die Frage geäußert hatte. „Wos wüst?“ Ihre Stimme klang etwas irritiert.
Hans-Dieter schwieg. Erstens hatte er alles gesagt, was er zu sagen hatte. Und zweitens verbat es seine Ehre als Znork-Krieger allzuviel Worte mit einem Znirk, noch dazu einem Weibchen, zu wechseln. Selbst wenn es wie ein Mensch aussah. Und drittens schwieg er einfach gerne.
„Faszinierend. Für mich klingt sie eher nach südlicher Bronx.“ Lunas Kopf schnellte in die anderer Richtung, von der Francois sie gefasst, herausfordernd und sogar ein wenig herablassend musterte. Der klaustrophobische Effekt des Tunnels begann langsam von ihm zu weichen.
„I was ned, wo es zwa Bücha woits, oba vielleicht konn uns jo der do song, wos unsa transdimensionales Plauderstündchen doda soi?“ Damit wandte sich Luna wieder dem blauen Gummipferd zu, das sich noch immer nicht bewegt hatte, was jedoch kaum einen Anwesenden erstaunte.
„Ähem…“ Francois Truffaut räusperte sich vernehmlich. „Nicht, dass irgendetwas seit meinem plötzlichen Abflug aus meinem Büro heute Morgen besonders viel Sinn ergeben würde, aber verraten Sie mir eventuell, weshalb sie mit einer archaischen Waffe auf ein aufblasbares Kinderspielzeug zielen? Vielleicht würde zumindest die Lösung dieses einen Mysteriums meine allgemeine Verwirrung etwas reduzieren…“
„Ja. Mann spricht richtig. Warum?“
„Heast, Burschen i hob ka Zeit eich zum dazöhn, warum i…“
„Ähem…“
„Regen Sie sich doch nicht so auf“
„Ä-HEM!“
Die dünne Stimme war nun deutlicher zu vernehmen. Das blaue Pferd trat bereits ungeduldig von einem Gummifuß auf den anderen. „Wenn sich bitte alle einmal beruhige würde, werde ich gerne über Umstände und Zweck ihrer abrupten Reise in mein Domizil Auskunft geben.“
Stille.
„Aber warum setzen wir uns dazu nicht hin?“ Das rechte Ohr des Pferdes wies auf eine Sitzgruppe auf einem leicht erhöhten Plateau.
- – -
Madame Fifi war keineswegs amüsiert. Wenn sie sonst ihr Haus um 17 Uhr betrat, waren die Mädchen schon adrett, nett und bereit fürs Bett. Aber heute? Nicht nur, dass keines der Mädchen sie begrüßte, schlimmer noch, es schien auch niemand Ordnung gemacht zu haben. Der ganze Eingangsbereich des „Jolies Mômes“ sah aus wie nach einer Party des Barons. Aber die waren immer dienstags – und heute war erst Montag.
Erst als sie ihren Hausmeister und Rausschmeißer Orson Welles bewusstlos hinter der Theke liegend fand, wurde ihr klar, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. Nach und nach fand sie auch ihre Mädels, alle bewusstlos am Boden liegend. „Mon dieu!“ Madame Fifi zuckte zusammen.
Natürlich war Madame Fifi nur ihr Künstlername. Als sie von Deutschland aus hierher nach Chicago gekommen war, hatte sie ihren echten Namen Margarethe von Trotta zuerst auf Margaret Trout geändert. Aber bald zeigte es sich, dass sie in ihrem neuen Geschäftszweig mit einem französischen Background mehr Erfolg hatte. Und heutzutage kam ihr eine Mon dieu auch ohne Zuhörer bereits ganz natürlich über die Lippen.
Der Ausruf galt allerdings nicht ihren besinnungslos am Boden liegenden Mädchen, sondern einem aufgebrochenen Tresor. Über dem zerfetzt am Boden liegenden Druck eines Toulouse Lautrec-Plakates, der ihn eigentlich verdecken sollte, gähnte ein wie hineingeätzt erscheinendes Loch in dem schwarzen Metallkasten. „Mon dieu…“ Madame Fifi stöhnte entsetzt auf. „Das Ça Argueil! Es ist weg!“ Und nach einer Pause. „Merde.“
- – -
Es war eine seltsame Versammlung, die es sich da auf den Sitzgelegenheiten der erhöhten Plattform mehr oder weniger gemütlich gemacht hatte. In gewisser Weise wirkten sie wie die Gäste einer großen TV-Unterhaltungsshow, obwohl maximal zwei der Anwesenden mit diesem Vergleich etwas anfangen hätten können. Und einer davon war eine Armbrust.
Die Sitzgelegenheiten schienen den Gästen wie unter den jeweiligen Hintern geschneidert. Francois Truffault versank fast in einem bequemen Lederfauteuil, Hans-Dieter saß mit gekreuzten Beinen auf einer einfachen am Boden liegenden Wolldecke, Luna R auf einer Art drehbaren Klavierhocker, der ihre blitzschnelle Verteidigungsbewegungen in alle Richtungen erlaubte und Joseph Jonathan Multiplex XVII, der sich nach einigem Zögern der Gruppe angeschlossen hatte, ruhte auf einem Berg bunter, extraweicher Antigrav-Kissen.
Der eigenartigen Versammlung gegenüber thronte ihr eigenartiger Gastgeber auf einer Art Podest mit einem roten Seidenpolster unter seinem blauen Plastikhinterteil, seine aufgemalten Augen fest auf die Gästetruppe gerichtet. Schweigen. Dann ein Räuspern. „Getränke irgendwer?“
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